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Da kam mir Mitte der 90-er Jahre eine Reise nach Kreta zur Hilfe. Auf dieser größten Insel Europas geriet ich in ein archäologisches Museum - das von Heraklion - und sah dort Malereien auf Vasen und Fresken einer Hochkultur, die sich fundamental von allen nachfolgenden europäischen Kulturen unterschieden haben muss. Die Rede ist von der vorgriechischen, minoischen Kultur, die ihre Anfänge ca. 3.000 Jahre vor Christus hatte. Die Bilder zeigen Menschen in einer Heiterkeit und Gelassenheit, die ihresgleichen sucht. Frauen werden - wie die Männer - stolz und selbstbewusst dargestellt. Man sieht und spürt förmlich die Gleichwertigkeit der Geschlechter. Bilder mit Kriegsszenen sind dort nicht zu finden. Wir können diese Kultur mit gutem Grund als "vorpatriarchal" bezeichnen. Man benennt sie in der Regel als "matriarchale" Kulturen. Ich lehne diesen Begriff ab und ziehe die Bezeichnung "maternale" Kulturen vor. Denn es handelte sich offensichtlich nicht um "archate", also nicht um Gesellschaftsformen in denen "Herrschaft" eine Rolle spielte ("archat" heißt "Herrschaft").Auf dieser Insel - die wir heute Kreta nennen - hat sich der "maternale" Lebensstil mindestens 1.000 bis 1.500 Jahre länger erhalten, als in den Ländern ringsherum (Sumer, Ägypten, Griechenland). Ca. 1.600 vor Christus wurde dann allerdings auch diese Kultur - vermutlich durch den katastrophalen Vulkanausbruch auf Thera (heute Santorin) ausgelöscht (aus diesem Ausbruch stammende Ascheteile hat man noch auf Grönland entdeckt).
Das heißt, wir müssen erst einmal definieren, was wir unter "Patriarchat" verstehen. Das Wort kommt aus dem
Griechischen und ist zusammengesetzt aus "Pataer" - was so viel heißt, wie "Vater" - und "archein", was mit
"herrschen" übersetzt wird (siehe oben). Die volle Bedeutung ist also "Herrschaft der Väter."
Zeitlich gesehen handelt es sich um eine Epoche der Menschheitsgeschichte, die ca. 5.000 Jahre v. Chr. begann und
bis heute andauert. Das ist menschheitsgeschichtlich kein sehr langer Zeitraum, wenn man bedenkt, dass es -
nach neueren Forschungen - den homo sapiens schon länger als 100.000 bis 200.000 Jahre auf dieser Erde gibt.
Inhaltlich gab und gibt es - je nach Kultur und Religion - viele Ausprägungen, die wir als patriarchal bezeichnen.
Alle diese verschiedenen Ausformungen haben jedoch - mal stärker, mal weniger stark - einige Gemeinsamkeiten.
In der patriarchalen Welt:
Ich meine "Ja".
Weil tief in unserem kollektiven Unterbewussten und im Unterbewusstsein jedes Einzelnen etwas verborgen ist - nennen wir es ruhig eine Art "Goldschatz"! (In unserer systemischen Aufstellungsarbeit stoßen wir immer und immer wieder auf diese Goldader.)Zur Klärung dieser Frage müssen wir einen kleinen Ausflug in die Entstehungsgeschichte des Patriarchats machen. Dabei stütze ich mich in erster Linie auf neuere Forschungen und Erkenntnisse der Archäologie, Ethno- und Systempsychologie. Und auf Beobachtungen, die Ethnologen bei sog. "unverdorbenen Naturvölkern" - die es in Nischen dieser Welt noch gibt - gemacht haben.
In den alten Mythen ist die Rede von einem sog. "goldenen Zeitalter". Wir "aufgeklärten" Menschen haben das belächelt. Aber höchstwahrscheinlich gab es dieses "goldene Zeitalter" wirklich. Die Bezeichnung stammt aus der griechischen Mythologie. Die Griechen hatten noch eine Ahnung von und eine Sehnsucht nach der Zeit, die dem Umschwung ins Patriarchat vorausging. Einer Zeit mit einem anderen Weltverständnis, Denken, Erleben der damaligen Menschen.
Es muss eine Zeit gewesen sein,Wie kam es dazu?
Es spricht vieles dafür, dass es äußere Einflüsse waren, die das rasche Umkippen dieser Gesellschaftsformen bewirkten. Ein großer Teil der Wissenschaft vermutet Naturkatastrophen ungeheuren Ausmaßes als Hintergrund. Manche sprechen von einem Polsprung. Immer mehr setzt sich allerdings die Meinung durch, dass es "Impacts" - also große Meteoriten-Einschläge waren, die gerade zu diesem Zeitpunkt (vor ca. 7.000 Jahren) besonders häufig auftraten, wie Astronomen feststellten (Clube, Napier). Solche Katastrophen konnten zur Verwüstung ganzer Erdteile und zu enormem Mangel in vielen Gebieten der Erde geführt haben.
Ab jetzt war wirklich nicht mehr genügend da.
Vielerorts gab es ein Überleben nur noch auf Kosten anderer: "Du oder ich!" hieß ab da die Devise. Von nun an war die oben beschriebene "linear kausale" Herangehensweise an Probleme gefragt. Die "Fähigkeit", die Männern tendenziell mehr zu Eigen ist als Frauen: Unliebsames ausblenden, nicht links und nicht rechts schauen. Durchkämpfen zum Ziel, koste es was es wolle. Zusammenhänge und Spätfolgen nicht mehr wahrnehmen. Nur Überleben! Die Folge war ein Dominoeffekt ohne Ende. Die Stämme und Völker, bei denen die patriarchale Denk- und Handlungsweise die Oberhand gewonnen hatten, eroberten und unterwarfen rücksichts- und gnadenlos andere Völker, die teilweise noch im sog. "goldenen Zeitalter" lebten.
Wie es damals zuging, können wir in der Bibel - im Alten Testament - nachlesen, insbesondere im Buch Joshua, dem Buch von der Landnahme, in dem geschildert wird, wie die Hebräer - im Namen ihres Gottes - andere Völker im damaligen Palästina ausrotteten und sich ihr Land aneigneten.
Oder denken wir daran, wie wir Europäer später mit den - oft noch maternal lebenden - eingeborenen Völkern Afrikas, Amerikas und Asiens umgingen. Das war die logische Weiterentwicklung dieser frühen Ereignisse in einer endlos nachfolgenden Kette.
Aber Achtung:
Hier sollten wir nicht der Versuchung unterliegen Schuld zu verteilen. Diese Geschehnisse basieren auf den oben
geschilderten tiefen, unbewussten Zusammenhängen. Insbesondere der kollektiven, unbewussten Angst: Es ist nicht
genug da ("Du oder ich"). Und - dieses kollektive Trauma trägt auch jede(r) Einzelne in sich, unabhängig davon,
ob sie/er's weiß oder nicht.
Was können wir also tun? Können wir überhaupt etwas tun?
Die bisherigen groß angelegten Menschheitsverbesserungsversuche sind schließlich fehlgeschlagen!(Die kommunistische Revolution ist nur ein Beispiel von vielen.)
Nun, das einzige, was helfen kann, ist aufwachen, rückhaltlos hinschauen, erkennen. Und zwar jeder Einzelne! Vor der eigenen Tür!
Das heißt, es geht zunächst ums Erkennen: Inwieweit sind wir den alten, tiefen Denkmustern heute noch verhaftet, ohne es zu merken!
Diesem Anliegen dient mein Vortrag.
Dabei werde ich an dieser Stelle nicht auf bekannte Tatsachen eingehen: dass zum Beispiel Frauen für die gleiche Arbeit immer noch schlechter entlohnt werden wie Männer. Oder dass die Führungspositionen in dieser Welt weiterhin zu 90 Prozent von Männern gehalten werden…und…und…und. Diese Fakten sind weitgehend bekannt; es sind Auswirkungen an der Oberfläche. Sie sind allesamt Ausdruck der Verstörung, der Traumatisierung, die bei uns allen tief in unserem Inneren noch begraben und nicht bewältigt ist. Sie sind Ausdruck der Angst, unterzugehen, wenn wir die Welt - und damit die anderen - nicht beherrschen: "Du oder ich!"
Mir geht es um das Aufdecken der tiefer liegenden Dynamiken, darum aufzuzeigen, wie wir unbewusst auch heute noch jeden Tag die alten Muster leben: die Muster, die zu dem kollektiven Desaster und zum Leid jedes Einzelnen führen.
Dabei bin ich mir klar darüber, dass es schwer ist, sich wirkliche Alternativen zur heutigen Lebensweise vorzustellen; denn die sind uns zur "zweiten Haut" geworden. Wir halten sie für normal. (Der viel beachtete Film "AVATAR" bietet mit seinem erfundenen Planeten "Pandora" ein paar Anhaltspunkte). Ich könnte Ihnen jetzt nacheinander einzelne Punkte und Tatsachen aufzählen. Das würde Sie langweilen.
Ich ziehe es vor, an dieser Stelle beispielhaft zwei Paare - Mann und Frau - auftreten zu lassen:
Ein Paar dieser Zeit - und ein Paar aus einer vorpatriarchalen, einer maternalen Welt. Lassen sie uns diese Paare einen Tag lang begleiten.
Was erleben sie? Wie reagieren sie? Was tun sie? Was denken sie?
Seit der letzten schweren Ehekrise im vergangenen Jahr, in deren Verlauf Anton vorübergehend aus dem Haus auszog, haben die Leistungen der Kinder in der Schule merklich nachgelassen
Tobias benimmt sich mit seinen neun Jahren in der Schule wie die Axt im Walde. Der Rektor hatte schon mit
Schulverweis gedroht.
Die siebenjährige Lea hingegen war still und in sich gekehrt geworden, ist nur noch
schwer erreichbar. Zudem entwickelt sie Ekzeme am ganzen Körper.
Ute hatte sich vor drei Jahren um einen Wiedereinstieg in ihren Beruf bemüht. Es war frustrierend, zu erleben, wie andere Bewerber ihr - trotz schlechterer Noten - vorgezogen wurden, nur weil sie Männer waren. Durch Vermittlung ihres Vaters hatte sie schließlich eine Stelle als freie Mitarbeiterin in einer großen Anwaltskanzlei bekommen. Viel Zeit bleibt da nicht mehr für die Kinder! Das verursacht Schuldgefühle. Und ihr Chef macht es ihr nicht gerade leichter, indem er direkt oder subtil zu verstehen gibt, dass sie in der Kanzlei zu wenig präsent ist, zu wenig Leistung bringt.
Anton ist schon weg. Aus dem Hause rennend, hat er noch gerufen: "Kaffee trinke ich im Büro!" Sehr schnell ist ihm wieder ins Bewusstsein gedrungen, dass er wirklich um jeden Preis pünktlich sein muss. Es geht um die Übernahme seiner Firma durch einen anderen Konzern - "Feindliche Übernahme"! Das bedeutet viel Umwälzung und würde Arbeitsplätze kosten. Wer würde betroffen sein? Anton ist in der oberen Hälfte des mittleren Managements angesiedelt. Diese Position hatte er sich hart erkämpft. Und er hat durch seine vielen Geschäftsreisen, seine ständige Abwesenheit auch seine Ehe gefährdet. Sein Vorgänger war seinerzeit vom Vorstand abserviert worden, nachdem er wochenlang krank gewesen war - "burn out" wie man munkelte. Die nächste Generation drängt nach. Vor allem gibt es da einen ehrgeizigen, promovierten, jüngeren Senkrechtstarter; der hat es auf seine Stelle abgesehen.
Es geht ums Ganze - "Er oder ich!"
Sie dachte an Telenon, ihren Liebsten, mit dem sie zwei Kinder hatte. Wo er jetzt wohl war? Nach einem Beschluss des Rates der Ältesten waren er und seine Gefährten vor zehn Tagen nach Ägypten aufgebrochen. Mit den schnellen Schiffen, für die sein Land so berühmt war. Sie hatten den Auftrag Handel zu treiben mit den Ägyptern. Kupfer gegen Papyrus, Weihrauch und Myrrhe. Wenn alles gut ging, würden sie in weiteren 10 Tagen zurück sein - mit vielen schönen Geschenken.
Ihr Sohn Hylon war wohl schon zum Hafen gegangen und sah beim Schiffsbau zu. Das interessierte ihn sehr und er wollte es erlernen. Lernende waren immer willkommen. Und die Kinder waren wissbegierig!
Ihre Tochter Aja war sicher wieder bei der alten Weberin und Färberin, die so schöne Stoffe und Kleider machte. Aja liebte die Alte und half ihr wo sie konnte. So lernte auch sie es und würde später vielleicht auch eine so fähige und begehrte Weberin werden.
Eleana hatte mit einem früheren Mann einen weiteren Sohn gehabt. Der war bei den Stierspielen so unglücklich gestürzt, dass er nicht überlebte. Sieben Tage lang hatte sie geweint damals, mit ihrem Mann, ihren Schwestern, ihrer Mutter. Dann war es wieder gut. Sie spürte, dass seine Seele immer wieder bei ihr war - eine gute Kraft!
Sie stand auf und ging auf die Terrasse. In der Ferne sah und hörte sie Männer und Frauen, die an Gebäuden arbeiteten und dabei sangen. Es waren die Gebäude, die bei dem Erdbeben vor einigen Tagen schwer beschädigt worden waren. Die ganze Stadt half beim Wiederaufbau.
Telenon und seine Gefährten waren in Ägypten mit allen Ehren empfangen worden. Die Ägypter und die Minoer schätzten sich gegenseitig in ihrer ganzen Gegensätzlichkeit. Die Ägypter, die ihre Götter und Könige - sie nannten sie Pharaonen - mit ungeheuren monumentalen Bauten ehrten. Dagegen die Minoer, die nichts Monumentales kannten, kleine, menschliche Maße schätzten und mit ihrer Heiterkeit und Anmut Eindruck machten, wo immer sie hinkamen. Deren wunderschöne Kunstwerke in der ganzen, damals bekannten Welt geschätzt wurden. Deren Götter die gesamte Natur belebten.
Es war eine Selbstverständlichkeit, dass die ausgehungerten, zum größten Teil jungen Männer eingeladen wurden, mit den Liebespriesterinnen im Liebestempel der Isis Freude zu haben. Es wurden Feste gefeiert und Interessantes ausgetauscht.
Telenon und seine Gefährten wurden mit vielen Geschenken und allen Ehren bedacht, als sie Ägypten wieder verließen.
Er macht das Radio an: Tsunami und Atomkatastrophe in Japan. Aufstände und Gewalt in Nahost. Tornados in den USA. Vergeltungsschläge der Israelis gegen Palästinenser. Griechenland fast bankrott. Frauenquote in den Vorständen und Aufsichtsräten.
Was für eine Welt!
Ihn packt die Angst... Der Zeiger der Uhr rückt unaufhaltsam und gnadenlos vor... Die Autobahn verengt sich auf eine Spur… Sein Nebenmann lässt ihn nicht auf die rechte Fahrbahn… Wut!... Er will den Spurwechsel erzwingen, schließlich ist er im Recht !... Es kracht… Unfall…
Ute will am Nachmittag einen Therapeuten aufsuchen - Lea wegen. Und bei dieser Gelegenheit kurz bei ihrem erkrankten Vater vorbeischauen. Als sie das ihrem Chef sagt, wird der sehr ungehalten. Nie mehr würde er eine Frau mit kleinen Kindern einstellen. Mit jungen, karrierebewussten Frauen sei das anders. Die wüssten worum es ging! Also, entweder vertrete sie ihn am Nachmittag in der Gerichtverhandlung - da er sich heute nicht wohl fühle - oder sie könne ihre Sachen packen. Ute weiß, dass ihr Vertrag in Kürze ausläuft. Die Lage ist ernst. Sie ist verzweifelt. Dann denkt sie daran, wie ihre unverheirateten und wirklich karrierebewussten Freundinnen schmunzeln würden, wenn sie wieder ohne Arbeit dastünde. Was ihr Vater - der so stolz auf ihre Leistungen war - sagen würde, wenn sie den von ihm vermittelten Job verlöre. Sie gibt nach und fühlt eine ungeheure Resignation in sich.
Als sie zum Mittag kurz nach Hause kommt, ist wider Erwarten Anton schon da. Er sieht schlecht, sehr unglücklich aus. Auf die Frage, was passiert ist, meint er, darüber will er jetzt nicht reden. Aber sie gibt nicht auf. Schließlich erzählt er vom Stau, vom Unfall und dass er zur Sitzung natürlich zu spät gekommen ist. Und dass - welch ein Schock - auf seinem Platz der arrogante Schnösel gesessen hat. Nie würde er den mitleidigen und gleichzeitig herablassenden Blick dieses Rivalen vergessen, als sie sich zufällig am Ausgang des Sitzungssaales begegneten.
Ute spürt Mitgefühl und Ärger zugleich. Und dann kommt ihr eine Idee… Chance in der Not? Da Anton wider Erwarten nun mal hier ist… Vielleicht kann er? Sie erzählt Anton, was sich bei ihr zugetragen hat und etwas ängstlich fragt sie ihn: "Anton, könntest du mir das abnehmen und mit Lea zu Dr. König fahren? Und auf dem Rückweg kurz bei Papa vorbei schauen? Es geht ihm sehr schlecht." Anton überlegt kurz, sein Blick verfinstert sich, dann bricht es aus ihm heraus: "Was glaubst du eigentlich, was ich noch alles soll, muss ich dir denn alles abnehmen? Nie war ich einverstanden, dass du deine Arbeit wieder aufnimmst, solange die Kinder noch klein sind. Ich hätte es gebraucht, dass du mir den Rücken frei hältst! Und außerdem, zu einem "Psychoklempner" gehe ich mit meiner Tochter nicht - niemals!!! Und auch deinen Vater besuche ich nicht! Den kannst du selbst aufsuchen! Der lehnt mich doch sowieso ab! Dieser bigotte Missionar! Seit er aus seiner katholischen Missionstätigkeit von den Philippinen zurück ist, bist du ja ganz verändert."
Ute spürt, wie die Galle in ihr hochsteigt - einen Moment lang kann sie sich noch zurückhalten, dann nicht mehr: "Du blödes, unfähiges Arschloch, du Weichei Macho!! Hör bloß auf, über meinen Vater herzuziehen, sonst wirst du mich kennenlernen! Wer hat dir denn die Stelle in dieser renommierten Firma verschafft, hä? Wer hat uns ein zinsloses Darlehen gegeben, damit wir dieses Haus bauen konnten? Wer denn?"
Anton: "Mein Gott, bist du aggressiv! Aber ich sag dir was: Wenn ich gewusst hätte, dass unser Sex- Leben so einschlafen würde, hätte ich nie geheiratet. Bleib halt mit deinen Eltern verheiratet, mit mir wird das sowieso nichts mehr!"
Ute, jetzt völlig außer sich: "Du elender Schlappschwanz, wenn du jetzt auch noch auf unser Sexleben kommst…was willst du denn? Ausgerechnet du, nachdem du ständig Affären mit anderen hast!
Anton: "Stopp, jetzt aber mal langsam! Es gab hier nur eine Affäre! Ute, mal im Ernst… glaubst du wirklich, ein Mann wird noch scharf, wenn seine Ehefrau jedes Mal steif wie ein Brett im Bett liegt? Fehlt nur noch, dass sie sich vor jedem Akt bekreuzigt…"
Die Türen fliegen, das letzte Wort werden die Anwälte und der Scheidungsrichter haben…
Plötzlich wurde es Eleana klar: Von Zeit zu Zeit - meist einmal im Jahr - landeten die Phönizier - wie wir sie nennen - auf Minoa (das heutige Kreta), um mit den Minoern zu handeln. Sie brachten viele Köstlichkeiten mit und sehr viele Geschichten und Neuigkeiten. Denn sie besaßen fast so seetüchtige Schiffe wie die Minoer und segelten durch die ganze damals bekannte Welt. Durch den regen Handelsaustausch - und weil sie auch untereinander heirateten - kannten sie inzwischen gegenseitig ihre Sprachen recht gut.
Eleana war mit dabei, als die Phoiniki am Abend bei einem großen Fest ihre Neuigkeiten erzählten. Einige Nachrichten waren dieses Mal nicht so erbaulich. So berichteten sie, dass sie - wie schon so oft - in die große und berühmte Stadt Jericho reisen und Purpur einkaufen wollten. Jericho war drei Tages-Fußmärsche vom Meer entfernt.
Aber was sie dieses Mal dort vorfanden, erschien unvorstellbar: Fast nur noch rauchende Trümmer, Leichen von
Dahingemetzelten, Erschlagenen. Sterbende in ihrem Blut, Männer, Frauen und Kinder. Einer war noch - unter
großer Anstrengung - in der Lage zu erzählen, was vorgefallen war: "Wir wussten von einem Volksstamm, der schon
seit Jahren jenseits des Jordan in der Wüste umherzog. Gesandte dieser Fremden kamen zu uns. Sie behaupteten,
ihr Volk hätte das Land der mächtigen Ägypter verlassen, deren Kriegsleute am Roten Meer bekämpft und geschlagen.
Und zwar mit Hilfe ihres starken Gottes, den sie Jahwe nannten und der ihnen das Land jenseits des Jordan zum
Besitz versprochen habe.
Auch wir Minoer fühlten bei der Schilderung einen Schauer und eine Angst, die wir bis dahin nicht gekannt hatten: Etwas Unheilvolles schien in unsere Welt gekommen zu sein, das noch nicht begreifbar war… Telenos segelte auf der Rückfahrt mit seinen Gefährten noch in eine größere Stadt an der Nordküste der Insel. Dort wollten sie Edelholz und Silber einkaufen.
Im Hafen sahen sie fremde Schiffe, die ihnen aber bekannt vorkamen. Das konnten nur die Achaier aus Mykene sein. Mit ihnen waren die Minoer - dank einer klugen Heiratspolitik - freundschaftlich und verwandtschaftlich verbunden. Zu ihrem Glück, denn mit den Mykenern war ansonsten nicht zu spaßen. Sie waren kriegerisch, unternahmen Raubzüge in andere Länder und brachten von dort sogar Gefangene mit, die für sie arbeiten mussten. Die nannten sie Sklaven.
Telonon wurde - im Einverständnis beider Seiten - eingeladen an der Ratsversammlung mit den Mykenern teilzunehmen, die am Abend stattfinden sollte. Es sollte dort um ein großes Geschäft gehen, das die Mykener - ihr Anführer war Menelaos - mit den Minoern abschließen wollten. Wunsch des Menelaos war es, viele dieser schnellen Schiffe zu bekommen, die nur die Minoer bauen konnten. Im Ausgleich dazu sollten sie Gold, Silber, Zedern- und Sandelholz erhalten.
Die Minoer zogen sich zurück und beratschlagten. Es war eine ziemlich brenzlige Situation. Sie wussten, wie hartnäckig und aufbrausend die Achaier sein konnten, wenn es nicht nach ihrem Willen ging. Wie konnten sie sich auf gute Weise aus der Affäre ziehen, ohne die Mykener zu brüskieren?
Da vertraute Kallira - eine der Töchter des Minos - ihrem Vater an, dass sie ihre Schwester Asteria in eindeutiger Pose mit Menelaos beobachtet habe. Der Minos ließ Asteria bitten zu kommen und fragte sie, ob es in Bezug auf Menelaos ernsthafte Absichten gäbe. Sie bejahte das freudig. Der Mykener mit dem goldenen Haar gefiel ihr außerordentlich. Auch Menelaos war überglücklich - er hatte das nicht erwartet.
Als Telenon im heimatlichen Hafen einlief, war das ganze Volk versammelt. Die Minoer jubelten und wollten sofort zu Ehren ihres kühnen Seefahrers ein großes Fest veranstalten. Aber daraus wurde zunächst nichts. Eleana war zum Hafen geeilt, hatte sich durch die Menge geschoben, war flink aufs Schiff geklettert und hatte ihren Liebsten in die Arme geschlossen. Telenon, einen Augenblick überrascht von Eleanas ungestümer Leidenschaft erwiderte ihre Liebe. Die Menschen waren tief berührt und schwiegen für einen Moment. Dann brach Jubel aus! Telenon und Eleana nahmen sich bei der Hand, winkten den inzwischen tanzenden Menschen zu, stiegen vom Schiff, bahnten sich einen Weg durch die Menge und verschwanden in Richtung ihrer Wohnstatt.
Auf dem Weg dorthin erzählte Telenon Eleana von den Künsten der ägyptischen Tempelpriesterinnen und Eleana berichtete von Tanaron, Telenons Bruder, der sich während dessen Abwesenheit rührend und einfühlsam um sie gekümmert hatte. Beide lachten und scherzten auf dem ganzen Weg zu ihrer Wohnstatt und gaben dort der Liebe Raum, die ganze Nacht.
In meiner Arbeit als Mediator habe ich nicht selten erlebt, dass völlig zerstrittene Paare wieder zueinander fanden, nachdem sie der Empfehlung des Mediators gefolgt sind und - anstatt den Scheidungsrichter zu bemühen - eine systemische Paartherapie begonnen hatten.
Mediation und systemische Therapie sind nur zwei Beispiele für einen generellen Umschwung in unserer Kultur. Es wundert nicht, dass sich beide systemischen Methoden inzwischen verbreiten, überraschend schnell, weltweit.
Und es gibt noch viel mehr gute Ansätze, die in eine neue Richtung laufen: Vergleichen wir nur einmal das Deutschland vor 100 Jahren mit dem heutigen - welch ein Wandel:
Dr. Hans-Peter Milling